Das Licht vom Tabor: Es zeigt uns den Erlöser und, verborgen anwesend, die Mit-Erlöserin. Aber wie immer, wenn wir die Offenbarung betend betrachten, bewegen wir uns im Raum des göttlichen Geheimnisses, und dieses Geheimnis ist nicht laut, sondern sehr still.

Vielleicht trägt jeder Gläubige in sich das klassische Bild der Verklärung Christi: Jesus, in strahlendem Gewand, umgeben von Moses und Elias, und auf den Boden hingestreckt die drei Apostel Petrus, Jakobus und Johannes.
Es ist die Darstellung, wie sie auf etlichen Ikonen zu bestaunen ist. Und bisweilen hat der Ikonenschreiber auch noch den Aufstieg Jesu mit seinen Aposteln auf den Berg dargestellt wie auch den Abstieg.

So weit, so gut.

Doch eines Tages, während Besinnungstagen in einem Exerzitienhaus, irritierte mich die Ikone, die in meinem Zimmer hing. Es war offensichtlich die Darstellung der Verklärung; doch was mich ins Nachdenken brachte, war die Tatsache, daß beim Abstieg vom Berg Tabor Jesus diesmal nicht vor den Jüngern herging, sondern hinter ihnen.

Wie war das zu verstehen? Hatte der Meister nicht die Maxime ausgegeben: Folge Mir nach! Wieso ging Er jetzt hinter seinen Jüngern? War das nicht ein eklatanter Widerspruch?

Erst allmählich lichteten sich meine Gedanken. Jesus, so glaubte ich zu verstehen, geht den Jüngern beim Aufstieg voraus, denn es ist ein unbekannter, neuer Weg. Die Jünger haben sich führen zu lassen, denn die Jünger haben zu lernen.

Später, beim Abstieg, ist es anders. Jetzt, nach der österlichen Offenbarung, traut Jesus den Seinen zu, daß sie anfangen, selbständig den Weg zu gehen. Freilich nicht ohne Ihn, sondern mit Ihm, der schützend sie begleitet und segnet.

Und was spricht dagegen, weiter zu denken und zu dem Schluß zu kommen, daß Jesus hier genau das tut, was Er von seiner Mutter Maria in frühesten Tagen gelernt hat. Denn auch Jesus, als kleines Kind, hatte, wie alle kleinen Kinder, das Gehen zu lernen. Und was machen Mütter? Sie trainieren lange mit ihrem Kind. Und irgendwann setzt der Kleine dann den ersten selbständigen Schritt, und dann den nächsten und den übernächsten und so weiter.

Und der Kleine hat den Mut zu seinen Schritten, weil er weiß, daß die Mutter hinter ihm mitgeht und bereit ist, falls das Kind stolpert, sogleich die bergenden, helfenden Arme auszustrecken.

Ebenso macht es Jesus. In der Schule der Muttergottes, Seiner und unser aller Mutter, hat Er als wahrer Mensch die diskrete, wunderbare Liebe der Mutter gelernt. Diese Liebe gibt Er gleichsam weiter. Er läßt seine Jünger gehen, den Berg hinab, in die Herausforderungen, die unten im Tal warten.

Aber zugleich ist Er unwiderruflich mit ihnen gehend, wie Er es versprochen hat: »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20). Und in dieser unsichtbaren Anwesenheit (im Rücken der Apostel!) scheint verborgen die liebevolle Nähe Mariens durch, die einst – damals, in Nazareth – da war und ihren Sohn gehen lernte, und schließlich sah, wie Er weiterging, aus Nazareth hinaus, und weiter, den steinigsten Weg, und die doch immer, selbst in scheinbar großer Entfernung, treu bei ihrem Sohn blieb, mit betenden Händen, um so ihren Sohn zu stützen, bis Er schließlich, in letzter, stiller Begleitung, als Geopferter in ihrem Schoß lag.

Das Festgeheimnis der Verklärung betrachtend, können wir folglich mit Jesus den Berg hinaufgehen, mit Ihm verweilen im Licht, und dann mit Ihm hinabsteigen und dabei, mit erleuchteten Augen, die Nähe der Muttergottes mitbetrachten – der Miterlöserin, der Knotenlöserin, die da ist, wo ihr Sohn ist, und also auch dann mit ihrem mütterlichen Beistand an unserer Seite ist, wenn wir den Berg der Verklärung hinabsteigen.

20. Juli 2018
Manfred M. Müller, Priester, Wien

Grafik: Ikone aus der Ikonenwand des Kyrill-Beloserskos Kloster, 1595. orthpedia.de/images/f/fe/Verkl%C3%A4rung_kyrill_16.JPG

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