Die Wahrheit. Das mag für viele ein abstrakter Begriff sein. Und dann noch gar die ganze Wahrheit! Aber mit Maria gewinnt das Abstrakte eine ganz konkrete Bedeutung – für unser Leben.

Welches ist die Aufgabe des Heiligen Geistes?

Bei seiner Abschiedsrede im Abendmahlssaal legt Jesus seinen Jüngern eindringlich die Sendung und Aufgabe des Heiligen Geistes dar. Es heißt: »Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch die ganze Wahrheit lehren« (Joh 16,13).

Der Ausdruck ganze Wahrheit kommt im Neuen Testament noch einmal vor, und zwar in der Geschichte der blutflüssigen Frau, welche der Evangelist Markus erzählt.

Eine Frau, die bereits seit 12 Jahren schwer erkrankt ist und vergeblich bei Ärzten nach Heilung gesucht hat, nimmt, so der Evangelist, schließlich all ihren Mut zusammen, schleicht sich in der Menschenmenge, die Jesus umgibt, an den Heiland heran und berührt von hinten sein Gewand, woraufhin sie auf der Stelle geheilt ist.

Wunderbar, könnte man denken. Die Frau ist geheilt, damit ist die Geschichte zu Ende. Tatsächlich aber geht die Geschichte weiter. Denn Jesus will wissen, wer Ihn berührt hat. Und der Evangelist schreibt daraufhin die herzzerreißenden Sätze: »Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wußte, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor Jesus nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Jesus aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein« (Mk …).

Wer zum Herrn kommt, dies die berührende Botschaft der Geschichte, darf vertrauen. Denn der Herr ist kein Magier, kein Zauberkünstler, sondern der Herr, der die ganze Wahrheit unseres Lebens kennt und will, daß wir den Mut haben, Ihm diese Wahrheit hinzuhalten, damit Er aus unserer Geschichte eine heilige Geschichte macht.

Nach dem Weggang des Herrn, nach Christi Himmelfahrt, ist es nun, wie Jesus seinen Jüngern sagte, die Aufgabe des Heiligen Geistes, uns in die ganze Wahrheit einzuführen. Und wer würde bestreiten, daß der Bereich, in dem diese Wahrheit heute zunehmend verdunkelt ist, der Bereich des Lebens selbst ist? Denn zu den schrecklichen Verirrungen und Gefährdungen der Moderne gehört, daß man das Leben für machbar hält, für manipulierbar, für käuflich. Da ruft uns der Heilige Geist klar und unmißverständlich in Erinnerung, daß das Leben stets und uneingeschränkt Geschenk ist: unverdient, wunderbar, nicht zu ermessen.

Und da Maria seit je die Braut des Heiligen Geistes ist, wird sie in ausgezeichneter Weise dem Geist gleichsam assistieren, auf daß sich Schritt für Schritt die ganze Wahrheit des Lebens dem Menschen offenbart, gerade auch dort, wo der Mensch sich schwertut oder gar weigert, diese Wahrheit anzunehmen oder an sich heranzulassen.

Um so schöner, daß auch das Bild der Knotenlöserin, was manche vielleicht überraschen mag, ein durch und durch pfingstliches Bild und also ein Bild des Heiligen Geistes ist. Nicht umsonst hat der Künstler über dem Scheitel der Muttergottes die Heilig-Geist-Taube plaziert.

Diesen Geist behält die Jungfrau nicht für sich. Sie schenkt ihn vielmehr, weil dies der Sinn des göttlichen Spiels ist, sogleich weiter an diejenigen, die seiner dringendst bedürfen, etwa an die Menschen, deren Leben krank, verblendet, verknotet ist, vielleicht schon sehr lange, die aber, wenn sie sich Maria, der Knotenlöserin und der Braut des Heiligen Geistes, anvertrauen, neu die Kraft und die Schönheit und die Wahrheit des Lebens erfahren werden.

Maria, Knotenlöserin und Braut des heiligen Geistes – bitte für uns!

8. Mai 2018

Manfred M. Müller, Priester, Wien

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die Heilung der Hämorrhoe (Katakomben von St. Marcellin und St. Peter, Rom)

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